Zu wenig Frauen in Führungspositionen: Was muss sich ändern?

von | 19/01/2019

Zu wenig Frauen in Führungspositionen: Was muss sich ändern?

 

100 Jahre Frauenwahlrecht in Deutschland. Wir haben mit Gründerinnen und Frauen in Führungspositionen darüber gesprochen, warum es in den Chefetagen deutscher Unternehmen auch heute noch keine Gleichberechtigung gibt.

 

Am 19. Januar 1919 konnten Frauen in ganz Deutschland zum ersten Mal wählen und gewählt werden. An diesem Tag fanden die Wahlen zur verfassungsgebenden Deutschen Nationalversammlung statt.

Heute, genau 100 Jahre später, ist das Wahlrecht für Frauen in Deutschland eine Selbstverständlichkeit. Wir nehmen den Jahrestag zum Anlass, einen Blick auf die Situation von Frauen in Führungspositionen zu werfen. Ein ausgeglichenes Verhältnis von Männern und Frauen in der Arbeitswelt ist noch lange nicht selbstverständlich. Insbesondere obere Management-Positionen sind von Männern dominiert.

Laut dem im letzten Jahr erschienenen Bericht der AllBright Stiftung, liegt der Frauenanteil in den Vorständen der 30 größten DAX Unternehmen bei nur 12,4 Prozent.

 

 

Auch im internationalen Vergleich schneidet Deutschland schlecht ab: Der Frauenanteil in den Vorständen der größten Börsenunternehmen der USA ist mit 24,8% doppelt so hoch. Schweden zeigt mit einer Quote von 24,1%, dass es in Europa auch besser gehen kann.

Selbst in der scheinbar fortschrittlichen und modernen Startup-Welt zeichnet sich nach wie vor ein unausgeglichenes Bild ab. Aus dem Female Founders Monitor 2018 des Bundesverbandes Deutsche Startups e.V. geht hervor, dass nur 14,6% der deutschen Startups von Frauen gegründet werden.

 

 

 

Wir fragen uns, wie sich etwas an diesem Ungleichgewicht ändern kann.

Um diese Frage zu beantworten, haben wir uns mit vier Frauen, die selbst gegründet haben oder in Führungspositionen sind, unterhalten und sie gefragt:

 

„Was muss passieren, damit es in 100 Jahren mehr Frauen in Führungspositionen gibt?“

 

 

 

Jana Tepe & Anna Kaiser, Gründerinnen & Geschäftsführerinnen, Tandemploy:

„100 Jahre Frauenwahlrecht hören sich erstmal viel an – sind aber in Anbetracht der Geschichte eine verschwindend kurze Zeit. Und gerade in der Arbeitswelt gibt es noch sooooo viel zu tun: Noch in den 70er Jahren mussten Frauen ihre Ehemänner (!) um Erlaubnis fragen, wenn sie einen Job ausüben wollten. Von Equal Pay sind wir noch weit entfernt und Frauenquoten brauchen wir tatsächlich, um endlich einen Übergang zu schaffen hin zu mehr Frauen in Chefetagen. Eine Schande eigentlich, aber so ist die Realität.“

 

In der Arbeitswelt gibt es noch viel zu tun

 

Was wir tun können und müssen, damit sich endlich etwas ändert? Vor allem heute beginnen und dieses wichtige Thema keine Sekunde mehr in die Zukunft schieben. In Organisationen brauchen wir dringend andere, flexiblere und offenere Strukturen und Arbeitsweisen, die Frauen und Männer gleichermaßen ansprechen. Die Erhebungen der AllBright Stiftung zeigen zum Beispiel sehr eindrücklich, welche (wenigen) Unternehmen in Sachen Frauen in Führung gute Vorbilder sind – nämlich die, die Offenheit und Diversität fest in ihrer Kultur verankert haben. Wo Arbeitsmodelle flexibel sind und Kollaboration Konkurrenzdenken ablöst, fühlen sich Frauen und Männer gleichermaßen wohl – und Quoten erfüllen sich (fast) von alleine.

 

Es krankt am System und an den Kulturen in Unternehmen

 

Die Schuld bei den Frauen selber zu suchen, finden wir gefährlich. Es krankt definitiv am System, an den Kulturen und Strukturen in Unternehmen. Wenn die Kultur stimmt und Arbeitsmodelle und -formen offen und flexibel sind, werden Organisationen ganz automatisch diverser und chancengleicher. Das zeigen zum Beispiel ganz eindrücklich die Ergebnisse der AllBright Stiftung.“

 

 

Sabine Scholt, TV-Moderatorin und Chefredakteurin, WDR:

„100 Jahre Frauenwahlrecht sind Grund zu feiern! Von 100 Jahren Chancengleichheit aber sind wir noch weit entfernt. Ein paar Schlaglichter auf weibliche Wirklichkeit im Jahr 2019? Nicht mal ein Drittel der Abgeordneten im Deutschen Bundestag ist weiblich. Frauen in deutschen Vorständen sind immer noch eine Seltenheit, im Schnitt verdienen sie nach wie vor weniger als ihre männlichen Kollegen. Frauen schmeißen immer noch häufiger den Haushalt und kümmern sich mehr um die Kinder als Väter das tun. Und Männer in Elternzeit sind nach wie vor Exoten.

 

Gleiche Rechte sind noch immer nicht gleiche Chancen

 

Die Liste lässt sich fortsetzen. Sie zeigt, dass gleiche Rechte noch immer nicht gleiche Chancen sind und dass Frauen noch immer dafür kämpfen müssen.

Manchmal mit der Brechstange oder – jetzt kommt das böse Wort – mit der Quote. Sie ist eine Krücke, ein fauler Kompromiss, ein schiefes Konstrukt. Doch sie kann notwendige Entwicklungen befördern, Unternehmen in die Pflicht nehmen und mehr Frauen in die Führungsetagen bringen. Ohne geht es nicht, noch nicht.

 

Bessere Betreuungsmöglichkeiten und mutige Ideen

 

Wenn kluge Unternehmerinnen und Unternehmer dann wirklich Ernst machen, wenn sie flexiblere Arbeitszeitmodelle anbieten, wenn bessere Betreuungsmöglichkeiten und mutige Ideen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie dazukommen – dann müssen wir nicht nochmal 100 Jahre darauf warten, dass mehr Frauen in Führung kommen.“

 

 

Corinna Links, Leiterin Vertrieb & Marketing, Kindsgut:

“Dass Frauen seit 100 Jahren in Deutschland wählen und gewählt werden dürfen ist für mich ein denkwürdiger Meilenstein. Mutigen und starken Vorbildern ist es zu verdanken, dass wir das heute als selbstverständlich ansehen, der Gedanke daran, dass es vor 1919 jedoch anders war, erschreckt mich sehr.

Auch in der Wirtschaft ist es noch ein weiter Weg bis zur Gleichberechtigung von Mann und Frau. Und obwohl es aktuell bereits viele großartige Initiativen, Plattformen und Events rund um Female Empowerment gibt, wird viel zu oft gefragt, was Frauen noch an sich ändern, verbessern und optimieren können, um in eine Führungsposition zu kommen.

 

Weniger diskutieren – mehr umsetzen

 

Ich würde mir sehr wünschen, dass positive Veränderungen auch von Männern aktiv vorangetrieben werden und beide Seiten mit Freude an neuen flexiblen Arbeitsmodellen und Perspektiven für sowohl Frauen, als auch Männer arbeiten. Hierbei sollte grundsätzlich weniger diskutiert und einfach mehr umgesetzt werden.”

 

 

 

Zu den Personen:

 

Jana Tepe & Anna Kaiser sind die Gründerinnen und Geschäftsführerinnen von Tandemploy. Sie selbst bezeichnen sich als Verfechterinnen einer lebensfreundlicheren und flexibleren Arbeitswelt. Zwischen Treffen mit Wirtschaftsminister Peter Altmeier und Auftritten als Speakerinnen leiten die beiden ein Job-Sharing Unternehmen in Berlin.

Tandemploy unterstützt Organisationen mit smarter Cloud-Software bei der digitalen Transformation und nutzt dabei den stärksten Hebel, den Unternehmen haben: die eigenen MitarbeiterInnen. Mit seinem mittlerweile über 20-fach ausgezeichneten Tool matcht das Berliner Unternehmen innerhalb von Firmen KollegInnen für einen lebendigen Wissenstransfer, Kollaborationsformen und flexible Arbeitsmodelle – und verfolgt dabei einen ebenso innovativen wie wirksamen Bottom-up-Ansatz.

 

Sabine Scholt ist Journalistin und Moderatorin beim Westdeutschen Rundfunk. Sie ist Leiterin der Redaktion Landespolitik Fernsehen und stellvertretende Chefredakteurin der WDR-Landesprogramme. Seit 2014 leitet sie auch die Programmgruppe Politik und Dokumentation.

Sie präsentiert zahlreiche Sondersendungen zu Parteitagen, Vorwahlsendungen und Wahlabende im WDR Fernsehen. Das politische TV-Magazin Westpol moderiert sie regelmäßig.

Bereits im November kommentierte sie in den ARD tagesthemen das Thema Gleichberechtigung.

Hier geht’s zum Video!

 

 

Corinna Links verantwortet seit 2018 das Marketing und den Vertrieb des Berliner Spielzeugunternehmens Kindsgut. Zuvor leitete sie als COO das operative Geschäft für das Verlagshaus Vertical Media, zu dem unter anderem Gründerszene.de gehört.

Nach ihrem Management- und Chinesisch Studium an der englischen University of Nottingham, begann Corinna ihre Karriere als Gründungsberaterin beim Startup-Inkubator der Freien Universität Berlin, bevor sie zu Gründerszene stieß und den anfangs noch kleinen Blog zum führenden Magazin über die Digital- und Startupszene aufbaute. Mit Kindsgut zieht sie nun das nächste Startup groß. Kindsgut designt Spielsachen, die nicht nur Spaß machen, sondern auch schön aussehen und somit nach dem Gebrauch nicht direkt in der Kiste verschwinden müssen.

 

 

Was sind eure Wünsche für die Zukunft der Frauen in der Arbeitswelt? Was muss sich eurer Meinung nach noch ändern, damit es mehr Frauen in Führungspositionen gibt? Schreibt uns gerne auf Facebook, Instagram oder LinkedIn!

 

Hier gehts zu den 10 größten Leadership Trends 2019.

 

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